Die Gargylen

Das dritte unsterbliche Volk

Am Berge Gargylim

Der Seelenschmied arbeitete lange und voller Eifer an seinem neuesten und größten Werk, das er jemals geschaffen hatte. Seine Kreation war perfekt, sie war vollkommen, sie war sein Meisterwerk. Er hatte sich selbst übertroffen und voller Zufriedenheit schenkte er die Seele seiner geliebten Leben. Die Seele war mächtig und die Verkünderin des Schicksals verband die Lebenspfade jeder Seele mit dem neuen Geschöpf.

Es war das dreizehnten Jahrtausend, als diese riesige Seele aus dem Seelenstrom ausbrach. Die Macht dieser Seele war so immens, dass sie drohte, die Schöpfung selbst zu zerstören und so blieb den Rungodhen keine Möglichkeit, als diese Seele zu zerreißen, bevor sie zu Bewusstsein kam. Die Seele zerbarst in einem lauten Knall und ihre Fragmente stürzten weit östlich von Runangart auf das Land Hygareh hinab, wo sie einen riesigen Krater hinterließen, der sich in den folgenden Jahrhunderten mit Wasser füllte und ein neues Meer bildete. Das Land war vernichtet. Lediglich  in der Mitte des Meeres blieb eine Insel übrig, die von den Göttern Hyagin genannt wurde und auf ihr lag der Berg Gargylim.

Das Land erholte sich mit der Zeit und das Leben auf Hyagin eroberte die karge, felsige Oberfläche der Insel langsam wieder zurück. Doch unbemerkt davon sammelten sich die zerrissenen Seelenfragmente unter der Oberfläche und strömten nach Hyagin, wo sie sich irgendwann tief im Berge Gargylim absetzten. Auch wenn jede einzelne Seele nicht mehr die Macht der ursprünglichen Seele hatte, so waren sie dennoch stark und um nicht in den Abgrund des Hains der Seelen hinabgesogen zu werden, griffen die Seelen nun nach dem Felsgestein des Gargylim. Die harten, festen Steine vibrierten, weichten auf und formten Wesen mit schneeweißer Haut, silbergrauem Haar und den Schwingen der Fledermäuse, die die Höhlen des Berges bewohnten. Im Dunkel des Felsgewölbes schimmerten die Augen dieser Wesen golden, rubinrot  und purpurn. Die Kreaturen waren hochgewachsen, schlank und von sinnlicher Schönheit. Doch sie waren auch genauso kalt wie der Stein, aus dem sie geformt waren.
Stundenlang irrten die Wesen durch die Tunnel und Höhlen bis sie schleßlich einen Ausgang fanden und aus dem Berg heraustraten.
Arunek, ein Gott der aus dem Osten stammenden Geschlechts der Kahrsai, erkundete im Azftrag seines Königs Gahnuir die Katastrophe, die Hygareh vernichtet hatte. Er spürte die rohe Kraft der Seelenfragmente, die von der Explosion übrig geblieben waren und verweilte auf Hyagin, um das Phänomen weiter zu beobachten.
Er entdeckte die bleichen, geflügelten Wesen, als diese aus den Eingeweiden des Berges heraus traten. Arunekt nannte sie die Gargylen. Das junge Volk war unsterblich und barg in sich eine große Macht, doch noch waren die Gargylen unerfahren und wussten nicht, wie sie diese gebrauchen sollten. Darum entschied sich Arunek, den Gargylen zugleich ein Lehrer und Mentor zu sein, und die Gargylen in die Geheimnisse und Mysterien der Welt einzuweihen.

Die Prächtige Stadt

Unter Aruneks Anleitung errichteten die Gargylen auf Hyagin eine große Stadt, die sie Hyre’gamya nannten, die Prächtige Stadt. Sie wurde entlang des Gargylim errichtet und umschloss ihn beinahe vollständig. Die Paläste und Kuppelbauten mit ihren hohen Türmen und Erkern thronten auf großen, schweren Säulen. Zwischen den Gebäuden gähnten tiefe Schluchten, doch es überspannten keine Brücken die Distanz zwichen ihnen. Es befanden sich lediglich geländerlose Balkone an den Seitenwänden, über die die Gargylen ihre Bauwerke betreten und verlassen konnten. Es gab auch keine Treppen oder Leitern, weder innerhalb noch außerhalb der Bauten, denn die Gargylen überflogen mit ihren Schwingen alle Höhen und Entfernungen mühelos.
In der Mitte von Hyre’gamya befand sichder Palast der Ältesten. Dort herrschten die von Arunek auserwählten sieben Ältesten über das Volk der Gargylen und ihr junges Reich. Ihnen waren die sieben Meister der Gargylen unterstellt.
Der Meister der Jagd hatte das Kommando über alle Jäger und sorgte für die Nahrungsmittelversorung der Gargylen.
Dem Meister der Schmiede unterstanden die Erz- und Edelsteinminen, die Schmelzöfen sowie die Schmieden und Werkstätte. Neben den gewöhnlichen Fertigungen erschuf der Meister der Schmiede auch Schmuck und die Kleidung der Gargylen, die aus feingeschmiedeten Gold und Silberketten gemacht waren.
Der Meister der Magie war der oberste Zauberkundige der Gargylen. Er war zugleich Hexer und Alchemist. Ihm oblagen alle magischen Arbeiten von Ritualen über das Brauen von Zaubertränken bis hin zu Beschwörungen.
Der Meister der Bücher war ein Chronist und Archivar des gesammelten Wissens der Gargylen, welches er in Bücher und Schriftrollen übertrug, bis sie eine ganze Bibliothek füllten. Der Meister der Bücher sammelte das Wissen nicht bloß, er lehrt es auch den jungen Gargylen. Sein oberstes Ziel war es, alles, was auf der Welt zu wissen ist auch zu wissen, alles was entdeckt werden kann zu entdecken und alles zu entschlüsseln, was bisher verschlossen war.
Der Meister des Festes war für alle Belange  des Genusses und der Zerstreuung verantwortlich. Er beaufsichtigte neben der Kelterei, in der die Gargylen ihren Wein herstellten auch die Backstuben und Fleischereien.
Der Meister der Gerechtigkeit ist der oberste Rechtsprecher der Gargylen. Er ist zugleich Vermittler und Richter. Dabei wacht er sorgfältig über die Einhaltung der Gesetze und Regeln, die die Gargylen von Arunek erhalten haben.
Der Meister der Harmonie schließlich war zugleich Maler, Bildhauer, Dichter und Musiker. Ihm unterstanden alle, die sich den verschiedenen Künsten gewidmet haben.
Die Altesten herrschten mit Weisheit über das Volk der Gargylen, die Meister, denen alle anderen Gargylen unterstellt waren, kamen ihrern Aufgaben mit größer Sorgfalt und Eifer nach und Hyre’gamya sowie das junge Gargylenreich wuchsen und erblühten. Den Gargylen war eine großartige Zukunft bestimmt.

Die Pilgerfahrt nach Runangart

< wird fortgesetzt>




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